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"Die Hotellerie wird immer öfter über Plattformen einkaufen"- ein Interview mit Lars Schmid

vor 7 Monate

 Lars Schmid, Geschäftsführer der Einkaufsgesellschaften Head und Sourcify, spricht mit ahgz-Autor Armin Leberzammer über die Potenziale der Digitalisierung für die gastliche Branche.

 

Herr Schmid, mit den beiden Einkaufsgesellschaften Head und Sourcify betreut die Deutsche Hospitality Kunden aus vielen verschiedenen Sektoren, nicht nur aus der Hotellerie und Gastronomie. Was unterscheidet die verschiedenen Branchen?

Ich erlebe in unserer Branche immer wieder, dass es so etwas wie ein Gastgeber-Gen gibt, das sich selbst im Einkauf zeigt. Auch in schwierigsten Situationen gibt es zumeist kein Hauen und Stechen, sondern immer noch Solidarität und gegenseitiges Verständnis. Dieses Verhalten unterscheidet sich sehr positiv von anderen Branchen, beispielweise der klassischen Industrie. Es gibt aber auch sehr viel, was Gastronomie und Hotellerie von anderen Wirtschaftsbereichen lernen können.

Was meinen Sie konkret?

Sowohl Hotellerie als auch die mit ihr verbundenen Lieferanten sind beim Thema Digitalisierung teilweise noch hinter ihren Möglichkeiten. Mittlerweile nimmt das auch in dieser Branche allerdings Fahrt auf und das ist natürlich auch eine große Chance. Digitale Beschaffung nach dem Prinzip des E-Procurement war in der Branche aber noch lange Zeit ein Fremdwort, obwohl es in anderen Wirtschaftszweigen längst üblich ist

Können Sie dieses Verfahren genauer erklären?

Von der Ausschreibung bis zur Rechnungsstellung beziehungsweise Rechnungsabwicklung läuft alles digital. In einem ersten Schritt schreiben die Hotels als Einkäufer digital ihren Bedarf selbst aus. Auftrag und Bestellung werden dann über das eigene E-Procurement-System übermittelt, die gelieferte Ware wird per System digital erfasst und mit der Bestellung abgeglichen. Ist alles in Ordnung, folgt die Rechnungsprüfung automatisch und der Vorgang ist durchgebucht. Dieses Verfahren unterscheidet sich deutlich von offenen Internet-Marktplätzen, weil die Hotels als Einkäufer ihren Bedarf selbst ausschreiben und an Anbieter vergeben.

Welche Vorteile bietet dieses System?

Bisher fehlte beim Einkauf in vielen Unternehmen die Transparenz, weil wichtige Informationen gar nicht erfasst werden können. Einkauf ohne betriebswirtschaftliche Leistungskennzahlen ist aber wie ein Fußballspiel, bei dem man die Tore nicht mitzählt. Als Einkäufer möchte ich wissen, wie sich die eigenen Preise im Vergleich zu anderen Indizes und den allgemeinen Marktentwicklungen bewegen.

Mit welchen Dienstleistungen unterstützen Sie Ihre Kunden?

Wir helfen beim Aufbau digitaler Strukturen. Die ermöglichen in der Folge dann die weiteren Schritte Messen, Steuern und Optimieren. Das wirkt sich dann nicht nur über günstigere Einkaufspreise, sondern über optimierte operative Prozessabläufe auf den gesamten Geschäftsbereich aus.

Geraten dafür dann die Lieferanten unter Preisdruck?

Der Kuchen ist groß genug für alle Markteilnehmer. Ich halte viel von shared economy, weil sie einen gemeinsamen Einkauf mit völliger Transparenz möglich macht.

Gilt das auch für inhabergeführte Häuser?

Eine gewisse Homogenität sollte in unserer Kundschaft schon bestehen. Wir managen den gesamten Einkauf für unsere Muttergesellschaft Deutsche Hospitality, haben aber auch andere Hotelketten als Partner. Da gibt es viele vergleichbare Zielvorgaben, was den Einkauf betrifft. Einzelne, vor allem kleinere Häuser, haben oftmals individuelle Bedürfnisse und Rahmenbedingungen, die nur schwer in ein größeres System passen.

Wie können Privathotels trotzdem von der Digitalisierung profitieren?

Wir sehen gerade einen Megatrend bei der Beschaffung, das stetige Zusammenwachsen von Groß- und Internethandel, eine Art "Amazonisierung des Einkaufs". Künftig werden Hotellerie, Gastronomie und Einzelhandel immer stärker über Plattformen einkaufen, die eine Konkurrenz zu bestehenden Einkaufsgesellschaften sind. Diese Plattformen haben einen transparenten Preisbildungsmechanismus. Durch Angebot und Nachfrage – gerade auch bei kleinvolumigen Aufträgen – ergibt sich eine optimale Preisbildung.

Welche Trends sehen sich in Bezug auf den Einkauf derzeit noch?

Ganz klar Nachhaltigkeit. Immer mehr Konferenzen und Tagungen werden nach sozialen und ökologischen Gesichtspunkten gebucht. Wenn ich die als Hotelbetreiber nicht erfüllen kann, dann geht mir Umsatz verloren. Ebenso fragen immer mehr Privatreisende und Touristen nach der Herkunft der Produkte – ob à la carte oder beim Buffet. Nachhaltigkeit ist inzwischen ein wesentlicher Wohlfühlfaktor für den Gast.

Wie erfüllen Sie bei der Deutschen Hospitality diesen Anspruch?

Wir haben einen Verantwortlichen für CSR, also Corporate Social Responsibiliy, als Bestandteil unseres Teams. Er ist fest eingebunden und entscheidet bei Ausschreibungen und Auftragsvergaben direkt mit.

Sie sind seit 2011 bei der Head GmbH, und Sourcify haben Sie im Jahr 2018 mitgegründet. Wie waren denn die Anfänge?

In den Anfängen der Head wurde noch alles über Papier abgewickelt. Mein Ansatz war es, wie sich Themen und Prozesse aus anderen Industrien auf die Hotellerie anwenden lassen. Wir haben daher von Anfang an voll auf die Digitalisierung gesetzt, um Liefer- und Wertschöpfungsketten zu optimieren. Wichtig ist dabei stets, dass unsere Lösungen für Hotelmitarbeiter intuitiv zu bedienen sind, ohne wochenlange Schulungen. Mit der Carve-out-Gesellschaft Sourcify als unabhängiger Software- und Einkaufsexperte für die Branchen Hotellerie, Gastronomie sowie Care haben wir unser Angebot ab 2015 auf Drittkunden ausgeweitet.

Gibt es da keine Interessenkonflikte?

Wir gewähren strikte Vertraulichkeit und trennen die Geschäftsfelder mit einer "chinese wall". Das bedeutet, die Deutsche Hospitality sieht keinerlei sensible Zahlen von Dritten und umgekehrt.